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Geschichte des Bauwerks
Das Mausoleum von Hermann Weil befindet sich in ummittelbarer Nachbarschaft zum jüdischen Friedhof in Waibstadt. Dort sind die Eltern und weitere Verwandte des Erbauers begraben. Da er in deren Nähe bestattet sein wollte, entschloss er sich, das Mausoleum direkt neben dem Friedhof errichten zu lassen. Die feierliche Einweihung fand im Jahr 1927 statt - vier Wochen vor dem Tod Hermann Weils.
Hermann Weil - Weltbürger, erfolgreicher Geschäftsmann und großzügiger Mäzen
 Das Mausoleum - ein im Kraichgau einzigartiger Bau
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Hermann Weil entstammt einer alteingesessenen jüdischen Familie aus dem badischen Steinsfurt, einem heutigen Ortsteil von Sinsheim, wo er im Jahr 1868 geboren wurde. Als zehntes von 13 Kindern war es schwierig, in seinem Heimatort wirtschaftlich Fuß zu fassen; das elterliche Handelsgeschäft übernahm ein älterer Bruder. Daher absolvierte er zunächst eine kaufmännische Ausbildung bei einer Getreidehandelsfirma in Mannheim. Sein Talent wurde rasch erkannt und gefördert, so dass er in immer verantwortlichere Positionen aufstieg.
Im Jahr 1888 ließ sich Hermann Weil in Argentinien nieder, um zunächst für eine holländische Getreidehandelsfirma eine Filiale aufzubauen. Das erwirtschaftete Geld und sein Fachwissen setzte er ein, um im Jahr 1898 ein eigenes Unternehmen zu gründen - die Firma Weil Hermanos & Cia., welche ebenfalls im Kornhandel tätig war. Beteiligt waren zwei ältere Bruder, wobei Hermann Weil mit 50 % Hauptanteilseigner war. Die Firma wuchs rasant, gehörte bald zu den Marktführern im internationalen Getreidehandel und erwirtschaftete gewaltige Gewinne.
Wegen einer schweren Erkrankung kehrte Hermann Weil im Jahr 1908 nach Deutschland zurück. Zusammen mit seiner Frau Rosa, die ebenfalls schwer erkrankt war, und seinen Kindern Felix und Anita ließ er sich in Frankfurt am Main nieder, wo er sich als Mäzen betätigte und soziale sowie bildungspolitische Einrichtungen mit großzügigen Geldspenden unterstützte.
Die Heimatverbundenheit Hermann Weils
Besuch des Mausoleums durch Familie Weil im Jahr 2009
Besuch des Mausoleums durch Familie Weil im Jahr 2009 >>> Großansicht >>>
Nach der Rückkehr nach Deutschland besuchte Hermann Weil oft seine Heimatgemeinde Steinsfurt, welche er ebenfalls großzügig unterstützte. Höhepunkt war der Bau der Fortbildungsschule. Das in den Jahren 1923 bis 1925 errichtete Gebäude, das heute noch steht, war ein für damalige Verhältnisse sehr modernes Schulgebäude. Etwa um die gleiche Zeit fasste Hermann Weil den Entschluss, das Mausoleum in Waibstadt errichten zu lassen.
Der Bau des Mausoleums
Dr.-Weil-Weg
Nachfahren von Hermann Weil am Dr.-Weil-Weg >>> Großansicht >>>
Hermann Weil wollte sich in unmittelbarer Nähe seiner Eltern und weiterer Verwandter bestatten lassen. Deshalb beabsichtigte er, das Mausoleum auf dem Gelände des jüdischen Friedhofs errichten zu lassen. Der dafür zuständige Begräbnisverein Waibstadt lehnte dies jedoch ab. Daher erwarb Hermann Weil ein 12,45 Ar großes Gelände direkt neben dem Friedhof zu dem damals sehr hohen Preis von einer Goldmark pro Quadratmeter. Außerdem war er dazu verpflichtet, eine Zufahrtstraße vom Ortsrand aus direkt zum Mausoleum bauen zu lassen. Zu diesem Zweck musste er die Grundstücke von insgesamt 45 Eigentümern erwerben.
Schon allein die Ausgaben für das Grundstück und die Infrastruktur waren daher ungewöhnlich hoch. Hinzu kamen die hohen Kosten für das Gebäude selbst, für welches kostspielige Materialien verwendet wurden. Das Mauerwerk besteht teilweise aus massiven Quadern aus Kalkstein; teilweise handelt es sich um einen massiven Backsteinbau, welcher mit zehn Zentimeter dicken Kalksteinplatten verkleidet wurde. Zur Gestaltung der Innenwände und des Fußbodens wurde Marmor verwendet. An der Kuppel befindet sich noch heute ein eindrucksvolles Mosaik, welches den Sternenhimmel symbolisiert.
Der erste Tempel in Jerusalem und der Felsendom als Vorbilder
Kuppel in Analogie zum Felsendom
Kuppel in Analogie zum Felsendom
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Das für den Kraichgau einzigartige Gebäude entstand nach Plänen von Alfred Engelhard, eines damals renommierten Architekten aus Frankfurt am Main, der dort schon zuvor die Familienvilla errichtet hatte. Beim Grundriss und Erscheinungsbild diente möglicherweise der Erste Tempel in Jerusalem als Vorbild, da sich einige - wenn auch entfernte - Ähnlichkeiten und Parallelen entdecken lassen. Der Kuppelbau mit seinem achteckigen Grundriss entstand dagegen sicherlich in Anlehnung an den Felsendom in Jerusalem, wobei sich auf dem Mausoleum der Davidstern statt des Halbmondes befindet.
Die Einweihung
Sternenhimmel
Sternenhimmel in der Kuppel
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Vom 3. bis zum 5. September 1927 fand der erste Waibstadter Heimattag statt - ein großes Volksfest, zu welchem sich etwa 800 auswärts wohnende Waibstädter in ihrem Heimatort einfanden. Am ersten Tag der Festlichkeiten übergab Hermann Weil, der mit etwa 30 Verwandten und engeren Bekannten angereist war, in einer feierlichen Zeremonie das Gebäude in die Obhut der Stadt Waibstadt. In seiner Rede verdeutlichte Hermann Weil, dass er dieses Gebäude - wie auch andere Bauwerke - nicht aus Prunksucht habe errichten erlassen, sondern um in den Zeiten der Wirtschaftskrise der Bevölkerung Arbeitsmöglichkeiten zu verschaffen. Des Weiteren äußerte er den Wunsch, dass der Innenhof als Begegnungsstätte und Ort des Friedens genutzt werde. Eine religiöse Einweihung fand nicht statt, so dass es sich beim Mausoleum - im Gegensatz zum benachbarten jüdischen Friedhof - um ein weltliches Gebäude bzw. Anwesen handelt.
Hermann Weils Tod
Am 3. Oktober 1927 starb Hermann Weil in Frankfurt als hoch geachteter Bürger, dem die Universität die Ehrendoktorwürde verliehen hatte. Nach seiner Einäscherung wurde seine Urne in das Mausoleum überführt, die dort - zusammen mit derjenigen seiner Frau - bis zur Reichspogromnacht aufbewahrt wurde.
Die Reichspogromnacht
Während der Reichspogromnacht wurden unter der Führung des damaligen Bürgermeisters von Waibstadt das Mausoleum und der benachbarte jüdische Friedhof geschändet. Das Innere des Kuppelbaus wurde stark beschädigt und darin befindliche Büsten, ein Altar und die Marmorvertäfelung entwendet. Als Höhepunkt der tumben Zerstörungswut verschwanden auch die Urnen, deren Schicksal bis zum heutigen Tag ungeklärt ist.
Die Nachkriegszeit
In der Nachkriegszeit verschlechterte sich der Zustand des Mausoleums zunehmend. Im Jahr 1966 schenkte Felix Weil, der Sohn Hermann Weils, das Gebäude der Stadt Waibstadt, welche in den Jahren 1981-1983 dringend notewendige Sanierungsarbeiten durchführte. In der Zwischenzeit sind erhebliche neue Schäden aufgetreten. Maßnahmen zu deren Behebung wurden im Jahr 2009 eingeleitet, um dieses für den Kraichgau einzigartige Kulturdenkmal zu erhalten.
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